
Nachdenkliche Worte von Christian Springer rütteln Wittislinger Mittelschüler wach
Einen prominenten Gast durfte die Mittelschule Wittislingen begrüßen: Der Kabarettist und gesellschaftlich engagierte Künstler Christian Springer sprach zu den Schülern über Demokratie, Toleranz und Frieden. Den Kontakt zu Springer hatte Werner Wenger hergestellt, den Vortrag ermöglicht haben die Gemeinde Wittislingen und der Elternbeirat durch ihre Spenden.
„Berührt“ vom Friedenslied der 5. Klasse, erzählte Christian Springer spontan, wie er über die Musik zur Bühne kam. Im Kinderchor der Oper „Hänsel und Gretel“ vergaß er – überwältigt von der Pracht des Anblicks, der sich ihm von der Bühne aus auf die Ränge und das große Publikum bot, seinen Gesangseinsatz beim ersten Lied. Dass die kleinen Sänger sich darüber hinaus hinterher zur Belohnung an den echten Lebkuchen des Hexenhäuschens auf der Bühne bedienen durften und eine Gage von 5 Mark erhielten, ließen den kleinen Christian vom Leben auf der Bühne träumen. Leider – so scherzte er – gebe es heute keine Schokolade mehr als Bezahlung…
Die Schüler, zu denen er schnell einen guten Draht fand, rief er auf, offen zu sein für Musik und ihre verbindende Kraft, selbst Musik zu machen und nach Belieben zu hören, dabei Spaß zu haben, aber auch zu erkennen, wann Musik für „böse Zwecke“ missbraucht werde. Die Deutschlandhymne jedoch sei nicht – wie oft behauptet - nationalistisch, da uns ihre internationale Entstehungsgeschichte eines Besseren belehre. Daher singe er selbst sie guten Gewissens mit.
Schon als Kind erlebte er, wie Menschen allein aufgrund ihrer Sprache oder Herkunft beurteilt wurden. Wer in München, wo der junge Christian Springer oft im elterlichen Obst- und Gemüseladen mithalf, statt von „Orange“ und „Semmel“ von „Apfelsine“ oder „Brötchen“ sprach, gab sich als „Preuße“ und damit als Fremder zu erkennen und wurde von manchem Bayern „schal“ angesehen. Wie unsinnig solche Reaktionen waren, machte der Redner eindrucksvoll deutlich.
Mit Nachdruck sperrte er sich gegen den Begriff der menschlichen „Rassen“, da es bewiesenermaßen nur eine davon gebe. Abgesehen von der DNA sind wir alle „komplett gleich“.
Frieden bedeute, Unterschiede zu akzeptieren und auch mit Menschen friedlich Tür an Tür leben zu können, die anders sind als wir. Auch jemandem, den wir nicht mögen, die Hand zu reichen, wenn er in Not ist, bedeute Frieden.
Gerade die Unterschiede zwischen den Menschen seien doch das Schönste und sorgten für so viel lebendigen Gesprächsstoff untereinander. Christian Springer äußerte die Hoffnung, dass der Faschismus, der alle Menschen gleich und roboterähnlich haben will, keine Chance mehr haben sollte. Sein Blick verriet, dass er dabei auch auf die anwesenden Schüler zählt.
Den Wert des Friedens lehrte uns auch der Atombombenabwurf über Hiroshima. Das Mädchen Sadako Sasaki war damals zwei Jahre alt. Im Alter von 12 erkrankte sie als Spätfolge der Atomstrahlung an Blutkrebs. Da einer japanischen Legende zufolge demjenigen, der 1000 Kraniche aus Papier faltet, Glück und ein langes Leben beschert seien, legte sie todkrank all ihre Hoffnung in das Basteln von Kranichen. Sadako starb, als sie 800 Kraniche gebastelt hatte… Ihr zu Ehren wurde im Gedächtnispark in Hiroshima ein Kinderdenkmal errichtet. Auf der ganzen Welt falten Kinder und Erwachsene in Erinnerung an Sadako Kraniche für den Frieden und schicken sie an den Park, wo sie in Glassäulen neben dem Denkmal aufbewahrt werden.
Erschüttert und geprägt hat Springer auch der Besuch des größten amerikanischen Soldatenfriedhofs in dem kleinen französischen Dorf Saint-Avold, wo 10500 blutjunge, im 2. Weltkrieg gefallene Männer begraben liegen, darunter auch fünf Brüder einer einzigen Familie… Auch das ein Mahnmal des Friedens.
Auf die Rolle der USA ging der Buchautor und Nahostkenner noch näher ein. Obwohl seine eigene Familie in München von den Amerikanern ausgebombt wurde und seine Mutter ein Trauma davongetragen habe, hätten seine Eltern ihm Dankbarkeit gegenüber den USA gelehrt, da diese die Welt von den Nazis befreit hatten.

Dass Springer plötzlich seinen Sneaker in der Hand hielt, irritierte sein Publikum zunächst. Dieser Turnschuh, so der Redner, bestehe aus 110 Bestandteilen, die 21 Grenzen überschritten hätten. Wie kann es sein, dass Kleidung das darf, manche Menschen aber nicht? Das habe die Politik so entschieden. Mit dieser Tatsache verband Springer die Hoffnung, dass junge Menschen eines Tages diese Politiker ersetzen und gerechter handeln würden.
Dass es sich lohne, in ALLE Menschen Hoffnung zu setzen, beweist die Familiengeschichte Steve Jobs`, die Springer auf einer Syrienreise von dessen Cousin, den er dort zufällig traf, erfuhr. Steve Jobs` Vater kam als syrischer Flüchtling in die USA, verliebte sich in eine Amerikanerin, bekam mit ihr ein Kind, das die beiden nicht behalten durften. So wuchs Steve Jobs in einer nichtakademischen Familie auf und tüftelte zu Hause in der Garage an der gigantischen Erfindung des späteren iPhones.
Dass der 61jährige Springer seine Botschaften gerne an Schüler richtet, hat seinen Grund. Er selbst ist ein Junggebliebener, der sich das „Feuer“ der Jugend bewahrt hat. Sein Gespür für die jungen Menschen und seine Wertschätzung ihnen gegenüber werden an diesem Vormittag immer wieder deutlich. Jeder von ihnen habe etwas, worin er „Spitzenklasse“ sei. Ihm sei klar, dass die Herausforderungen in Pflege, Politik und Umwelt enorm sind, er ermunterte die Schüler aber dennoch, zu lernen, kreativ zu sein, sich unkonventionelle Lösungswege nicht ausreden zu lassen, die Demokratie zu bewahren und vor allem ihrer Leidenschaft zu folgen.
Ihm selbst wurde es verwehrt sein Studium des Arabischen abzuschließen, nachdem er - erfolglos -versucht hatte bei einer Wahlkampfveranstaltung zwei rohe Eier auf den damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß zu werfen.
Die Jugend könne die Welt zwar nicht retten, aber wenn nur einer den Mut hat für die Gerechtigkeit aufzustehen, steht auch ein zweiter auf und so könne es ihnen gelingen gemeinsam gute Ideen umzusetzen und die Zukunft gerechter zu gestalten. So sei 2011 auch Springers Verein „Orienthelfer e. V.“ ins Leben gerufen worden. Der Verein leistet vor allem in Syrien und im Libanon humanitäre Hilfe und fördert in besonderer Weise Bildungseinrichtungen.
Wortgewaltig, nachdenklich und humorvoll hinterließ Christian Springer viele Denkanstöße und den Eindruck einer klaren Haltung. Die Schüler hatten ihm gebannt zugehört. Es schien, dass die Geschichten und persönlichen Erlebnisse des Kabarettisten ihre Herzen erreicht hatten. Für den persönlichen Austausch auf Du und Du mit den Mittelschülern nahm sich der bekannte Kabarettist und Toleranz-Preisträger der Kategorie „Zivilcourage“ (Evangelische Akademie Tutzing 2016) sogar noch extra Zeit.
Obwohl dem Kinderchor längst entwachsen, gab es doch noch Schokolade für den Kabarettisten: Er freute sich ganz besonders, als Bürgermeister Thomas Reicherzer ihm als Gruß aus Wittislingen die berühmte Bügelfibel, das bemerkenswerteste Fundstück aus dem Fürstinnengrab, originalgetreu in Schokolade überreichte…
Text: Ingrid Wais
Fotos (nur Springer): Werner Wenger

Gruppenbild: Martin Wellmann
Von links: Konrektorin Silke Mayer, Werner Wenger, Leitende Schulamtsdirektorin Andrea Eisenreich, Rektorin Ingrid Wais, Kabarettist Christian Springer, Bürgermeister Thomas Reicherzer, Bürgermeisterin Mirjam Steiner